OTTO BUCHEGGER ERZÄHLT

Ein Tübinger Tagblatt Abo (für die gedruckte Tageszeitung) kostet 488,40 € im Jahr. (12 mal € 40,70 / Monat). Es erzeugt dabei pro Abo Altpapier (mit der verteilten Werbung) im Gewicht von mehr als 40kg. Bei etwa 35000 Abos sind das immerhin 1400 Tonnen! Irgendwie unverständlich, dass es bei diesen Daten trotzdem immer noch noch so viele Abonnenten für die Printausgabe gibt.

Ich rede ja gerne mit den Menschen und frage sie dann auch, warum sie dies nicht ändern wollen. Ja, das gehört irgendwie dazu, man will ja informiert sein, zum Frühstück brauch ich was Gedrucktes in der Hand, der Gang zum Briefkasten am Morgen regt meine Verdauung an, ich brauch es zum Ausstopfen der nassen Schuhe etc. Mit einem Wort, es gibt kaum Bereitschaft dies zu ändern.

Die Besitzer, den Chefredakteur und auch den grünen Oberbürgermeister, für den es auch das Amtsblatt ist, freut dies natürlich. Änderungen in den Medien sind für deren Nutznießer (meist Politiker) immer sehr riskant. Mehr Daten hier.

Mein persönlicher Bezug

Ich habe schon seit langer Zeit kein Tagblatt Abo mehr, obwohl ich viele persönliche Kontakte zu den Mitarbeitern hatte. Darunter waren die meisten Fotografinnen, ein Musikkritiker und der Karikaturist. Wir haben uns einfach oft bei Veranstaltungen getroffen. Und in einer Kleinstadt kennt man sich dann eben.

Wenn ich im Café sitze, blättere ich es manchmal kurz durch. Die Themen der Leserbriefe sind gelegentlich für mich noch interessant. Deren Inhalte allerdings nur sehr selten. Die Meinungen sind sehr gefestigt und alle schon bekannt.

Die lokale politische Berichterstattung ist selten objektiv, gelegentlich sogar irreführend. Ein Gespräch mit einem Gemeinderat ist wesentlich aufschlussreicher. Die Polizeimeldungen kann man heute direkt (und unverfälscht) im Internet sehen. Mehr als 5 Minuten brauchte ich für das Tagblatt selten.

Das Problem aller gedruckten Medien ist die fehlende Aktualität. Eigentlich kauft man immer Altpapier, auch wenn man ein frisch gedrucktes Exemplar erwirbt. Denn es hat etwa einen Tag gedauert, bis eine Nachricht gedruckt erscheint.

Dieser Nachteil könnte durch erhöhte Zuverlässigkeit kompensiert werden. Dafüt habe ich meine Hoffnung aber schon lange aufgegeben. Ich habe dazu beispielhaft an anderer Stelle geschrieben.

Alternativen

Ich habe mir meine eigene Zeitung selbst gebastelt. Es war einfach. Eine übersichtliche Seite mit den Links zu meinen wichtigsten Quellen und für meine Hauptinteressen. Ich verändere sie so etwa alle 3 Monate, je nachdem was aktuell ist.

Als der Brexit noch nicht entschieden war, habe ich zum Beispiel den Pressespiegel der BBC täglich angeschaut. Andere Links zu Polizeinachrichten, Wetter, TV Programm, Verkehrsübersicht mit Google Maps, Aktienkurse bleiben solange gleich, bis es keine besseren Quellen gibt. Für Deutschland gibt es reichlich Informationen von den ÖR Sendern. Für Auslandsnachrichten gibt es in Österreich, Schweiz, USA und China Übersichten.

Für alles andere ist Twitter eine gute und vor allem auch sehr schnelle Informationsquelle und für persönliche Kontakte bin ich mit WhatsApp und Instagram gut bedient. Da fällt es kaum ins Gewicht, dass meine Familie verstreut lebt. Mit E-Mail werde ich über die Müllabfuhr zuverlässig informiert.

Für Unterhaltung und Wissen ist Youtube unschlagbar geworden, Wikipedia beantwortet viele Fragen in ausreichendem Maß. Google findet alles, der Translator Deepl übersetzt alles.

Wer sich noch für OB Palmer interessiert, kann sich direkt bei Facebook informieren. Ich selbst habe Facebook schon lange Adieu gesagt. Für mich war es nur Zeitverschwendung.

Sport interessiert mich (mit einer Ausnahme) nicht. Kultur ist in Tübingen inzwischen sehr übersichtlich.

Ansonsten reichen mir für lokale Informationen die persönlichen Kontakte mit Nachbarn, Freunden und Geschäftsleuten. Tübingen ist in dieser Hinsicht ja wie ein Dorf. Und ich gehe mit offenen Augen (und immer mit der Kamera dabei) durch die kleine Stadt und entdecke dabei sicher mehr als in der Zeitung.

So ist eigentlich fast unbemerkt die Lokalzeitung für mich entbehrlich geworden. Nicht ganz. Die Todesanzeigen würden mir fehlen. Aber ich vermute, das ist Teil des Amtsblattes, das es ja auch ist und wird deshalb überleben. Und auch die Karikaturen vermisse ich.

Die Politik ändert sich

Ein wesentlicher Teil der Inhalte gedruckter deutscher Medien waren politische Diskussionen. Aber hier wird auch sich die Form ändern. Politiker haben auch in Deutschland gelernt, dass es sehr einfach ist, über die sozialen Medien Einfluss zu gewinnen. Public Relations ersetzt Journalismus, könnte man dies zusammenfassen.

Noch versuchen sich Journalisten dagegen zu wehren. Aber ihr Mehrwert und ihre Bedeutung wird immer weniger. Wer von ihnen Realist ist, wechselt die Seiten. Eine Gefahr für die Demokratie sehe ich dadurch nicht. Es werden nur entbehrliche und manchmal auch ziemlich unzuverlässige Player aus dem System genommen.

Die Corona Seuche (Frühjahr, Sommer 2020)

Das Tagblatt hat da eigentlich gute Arbeit geleistet. Informationen in Form eines Live Blogs, kurz alles wichtige und vor allem frei zugänglich. Genauso, wie ich mir Lokalnachrichten vorstelle. Ich wollte dies honorieren und ein Web-Abo für 6,90€ im Monat abschließen.

Aber anstelle dies einfach zu gestalten (z.B. mit Paypal) ist alles mir unnötig kompliziert vorgekommen und ich habe es immer wieder hinausgezögert. Und je länger ich den ganzen Vorgang geprüft habe, desto mehr Fälle habe ich wieder gesehen, dass meine Abneigung letztendlich doch gesiegt hat.

Es sind vor allem die Palmer Fanboys und die Palmer Fangirls (allen voran „slo“), die für mich ein unüberwindbares Hindernis darstellen. Überhaupt keine Distanz und auch keinerlei Kritik an den hiesigen Zuständen und Vorgängen. Chance leider verpasst.

Wenn man unzufrieden ist

Wo die Konkurrenz fehlt, ist es schwierig, sich gegen die Meinung einer Lokalzeitung zu wehren. Leserbriefe sind prinzipiell ungeeignet (sie erhöhen nur den Wert des Mediums), andere Beschwerden werden leicht ignoriert. Das einzige was wirklich zählt, ist mit den Füßen abzustimmen und das Abo zu kündigen. Ist man alleine, ist aber auch das wirkungslos.

Ist man aber eine Partei oder BI dann sieht dies etwas anders aus. Ich würde mal für Tübingen schätzen, dass ab 100 Kündigungen (oder billigeren Abos) eine Reaktion erfolgen würde. Denn damit würde man den Arbeitsplatz eines Mitarbeiters gefährden. Diese Kündigungen sollte man aber über einen Zeitraum von etwa einem Monat verstreut abschicken. Eine Begründung braucht man dazu nicht. Die Unsicherheit wirkt stärker, wenn man einfach kündigt.

Die Zukunft

Auch ich kenne sie nicht. Eins ist eher klar, es wird keine abrupten Änderungen geben. Alles wird schleichend passieren. Ich sage dazu, „leise und langsam“ werden sowohl das Sterben, wie vielleicht auch neues Wachsen geschehen.

Das Tagblatt hatte lange Zeit eine Monopolstellung in Tübingen. Kein Konkurrenzblatt konnte hier Fuss fassen, dafür ist Tübingen einfach zu klein. Aber mit jedem Abo Zahler, der wegstirbt oder kündigt, sinkt seine Bedeutung. Die Jungen lesen es ohnehin nicht mehr.

Die Zeiten der mächtigen Neckar Prawda sind schon länger vorbei. 2002 konnte ihr Verleger noch die Bundesjustizministerin aus dem Amt treiben. Übrigens ein Riesenschaden für die Stadt Tübingen, die damit ihre wichtigste Stimme in Berlin verloren hat. Heute bestimmen Journalisten aus Ulm  den Inhalt des Mantelteils.

Ein Beispiel, wie die Zukunft aussehen könnte, ist die 2020 Reihe „Kennen Sie Tübingen?“. Da werden Ereignis, Dokumentation, Diskussion und Würdigung in einem einzigen YouTube Video zusammengefasst. Und all dies mit wenig Aufwand, aber coronafest, zukunftssicher, von überall auffindbar und anschaubar. Und gratis auch noch dazu.

Ich fühle mich zumindest auf die Veränderungen vorbereitet. Wo immer es ein WLAN gibt, werde ich einfach und billig kommunizieren und mich informieren können. Und so richtig ein Bedauern, für alle, die unbedingt eine gedruckte Zeitung in der Hand haben wollen, habe ich nicht mehr. Sie wissen: Wer zu spät kommt …

Blume

 

 

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