OTTO BUCHEGGER ERZÄHLT

Einer der Grundkonflikte jedes Lebens, das weiter bestehen will, ist die ausgewogene Balance zwischen kurzfristigem und langfristigem Verhalten. Er tritt in den verschiedensten Formen auf, zum Beispiel in der Balance zwischen Konsumieren und Investieren oder zwischen der Lösung von Tagesproblemen und Aktionen gegen mögliche, noch schlafende Probleme in der Zukunft.

Das klassische Beispiel für Konsumieren versus Investieren ist die Aufteilung einer Ernte. Was darf ich in diesem Jahr essen, was soll im nächsten Jahr Saatgut werden und damit für neue Ernten sorgen. Oder bei der Wahl der Prioritäten. Was muss ich gleich erledigen, wann kann ich zuwarten?

Bei Firmen geht es um die Fragen „Weiter und besser so“ oder doch lieber „was Neues riskieren“. Bei Staaten um die Vorsorge für die Zukunft, zum Beispiel in Form eines Rentensystems. Viele dieser Fragen werden ideologisch verbrämt, aber im Grunde ist es immer der gleiche Konflikt. Wie beim Saatgut gibt es auch andere Investitionen in die Zukunft. Wie viel Ausbildung ist sinnvoll und wann muss ich beginnen, die Ausbildung zugunsten eines bezahlten Berufs abzubrechen?

Ich habe einiges dazu geschrieben, weil ähnliche Lösungen in allen Bereichen anwendbar sind. Klar ist, dass jede extreme Form des Verhaltens nicht sinnvoll ist und zu Problemen führt. Weniger klar war selbst mir, nach welchen Kriterien im Alter die Entscheidung generell ablaufen soll.

Pendeluhr mit Mondphasenanzeige

Was bedeutet langfristig für SeniorInnen?

Im Alter von über 70 Jahren, also nach langer Berufstätigkeit und einem näher rückenden Lebensende, bekommt diese Frage einen anderen Schwerpunkt. Habe ich überhaupt noch eine Zukunft, lohnt es sich noch in etwas Neues zu investieren? Meine Mutter hat in diesem Alter jedes Mal zum Jahresende überlegt, ob sie sich eine neue Jahreskarte für den ÖPNV besorgen soll, um diese Frage ganz anschaulich zu machen.

Bei vielen meiner Alterskollegen war zum Beispiel die Anschaffung eines Computers so ein Konflikt. Kann ich mich nicht bis zum Lebensende ohne einen durchwursteln, hält es mich noch aus? Kann ich ohne Neuanschaffung und das überaus lästige Lernen meinen Platz in der Gesellschaft behalten oder muss ich doch noch in den sauren Apfel beißen? Für junge Menschen mag dies alles lächerlich erscheinen, aber es sind reale Fragen, die sich stellen und die beantwortet werden müssen.

Zum einen ist es die Frage nach der Zukunft, zum anderen aber auch eine Frage zu meinen Vorstellungen vom Leben und meiner Sicht der Verantwortung darin. „Die Broke“ (Stirb Bankrott) Die Broke: A Radical Four-Part Financial Plan Paperback – September 23, 1998, by Stephen Pollan (Author), Mark Levine  (Author) und ein deutsches Pendant etwa 10 Jahre später haben plakativ eine Antwort auf die finanzielle Situation gegeben. Gib alles, was zu hast, zu Lebzeiten aus, vererbe nichts oder mache sogar Schulden und überlasse auch dem Staat nichts, wäre eine kurze Zusammenfassung dieser Lebenseinstellung.

Auf der anderen Seite steht das Wort von Marin Luther: „Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“

Die letztere Ansicht gefällt mir viel besser, denn sie weicht der Frage kurzfristig-langfristig aus. Soll die Konfliktlinie nicht eher richtig-falsch sein? Ist es nicht viel besser, sich zu fragen, ob es richtig für mich oder die Menschheit ist, als sich nur auf die eine Dimension – nützt es mir jetzt oder erst in der Zukunft – zu beschränken?

Fast immer richtig ist es, die Beweglichkeit zu erhalten. Sowohl die körperliche Fitness, wie auch die geistige Beweglichkeit. Neugierig bleiben, was Neues ausprobieren, es müssen ja nicht immer gleich schwierige Herausforderungen sein. Das scheint mir generell zu jedem Zeitpunkt richtig zu sein!

Lebensqualität und Freiheit sind im Alter am wichtigsten

Doch was ist richtig für Alte Menschen? Erhöhung oder Erhaltung der Lebensqualität gehört sicher dazu. Wie gesagt, Lebensqualität, nicht ausschließlich Lebensdauer! Dies ist wahrscheinlich der größte Unterschied zu Nicht-Alten, mit noch langer Zukunft.

Ein alter Müller, den ich sehr geschätzt habe, hat mir einmal seine Vorstellung von Lebensqualität deutlich geschildert: Sie steigt mit der Anzahl der Toiletten im Haus und sinkt mit der Anzahl der Frauen. Er hat gewusst, wovon er geredet hat: zwei alte Frauen bis zum Tode gepflegt und drei Töchter, davon zwei ziemlich aufsässig und voller Vorwürfe, aufgezogen. Das prägt!

Aber selbstverständlich gibt es viele andere Ansichten zu diesem Thema. Was sich Menschen wirklich wünschen, erkennt man leicht an ihren Wünschen für andere. So wird unter Senioren bei jedem Geburtstag „Gesundheit“ gewünscht. Damit ist nun nicht gemeint, dass man alle seine bestehenden Leiden, mit denen man sich schon arrangiert hat, wieder verliert, sondern dass keine neuen, gesundheitlichen Bedrohungen mehr dazu kommen.

Als besonders unangenehm werden – neben den im Alter nahezu unvermeidlichen und bedrohlichen Krebsarten – die Beeinträchtigungen der Sinne empfunden. Nicht mehr richtig sehen zu können, nicht mehr richtig hören zu können, nicht mehr alles riechen, nicht mehr tasten und fühlen können, das alles isoliert sehr stark und reduziert damit die Lebensqualität beträchtlich.

Zu den großen Angstthemen im Alter gehören Veränderungen. Und zwar alle Arten davon. Der Grund ist die Erkenntnis aus der Vergangenheit, dass die meisten Veränderungen (zumindest vorübergehend) Verschlechterungen waren. Besonders in höherem Alter (ab 80) aber sind Veränderungen fast unausweichlich, auch wenn versucht wird, sie zu vermeiden. Der Umzug in eine andere Wohnung zum Beispiel ist ganz schlimm, aber auch das Ausscheiden von Ärzten aus dem Dienst kann zur Bedrohung werden.

Wer älter wird als das Durchschnittsalter, wird viele Todesfälle verkraften müssen. Menschen, deren soziales Netz nur aus Gleichaltrigen bestand, fühlen sich dann sehr einsam. Besonders kinderlose Alte leiden dann sehr darunter.

Einen wichtigen Stellenwert im Alter nimmt die Freiheit ein. Auf der einen Seite genießen viele Alte (besonders Frauen, die gleichzeitig Kinder und Beruf hatten), dass sie weniger Verpflichtungen haben, auf der anderen Seite empfinden sie aber auch Genugtuung, wenn sie gebraucht werden. Auch wenn die Verpflichtungen des Berufs schon lange abgehakt sind, so erfreuen sie sich erst dann besonders ihrer Freiheit, wenn sie vorher die Gelegenheit hatten, ihre Pflicht zu erfüllen. Zu diesen Pflichten kann auch die Ordnung im Haushalt gehören.

Auch gute Erinnerungen können belasten!

Vielen macht es im Alter Spaß, Erinnerungen an die jüngeren Jahre zu wecken. Es kann dies vielfältig geschehen, zum Beispiel frühere Arbeitskollegen zu treffen oder die Orte der Kindheit und Jugend aufzusuchen. Auch Fotoalben und Musik von früher erfüllen diesen Zweck. Aber nicht alle Erinnerungen wecken Freude oder erhöhen die Lebensqualität. Dass ganz schlimme ausgeblendet werden, ist leicht zu verstehen. Aber auch sehr glückliche Momente können Trauer oder Unbehagen verursachen, wenn klar wird, dass diese für immer vorbei sind.

Es ist also riskant, mit Erinnerungen der alten Menschen zu spielen. Aber wer seine Freunde gut kennt, kann dies gerne riskieren und damit große Freude bereiten. Ich habe mit dem Aufkommen von Facebook versucht, einige meiner alten Kontakte zu aktivieren und habe auch selbst damit die Zwiespältigkeit persönlich erlebt. Manche waren total enttäuschend, andere hingegen überaus erfreulich.

Wovon kann ich mich trennen?

Wer in fortgeschrittenem Alter seine bisherige große Wohnung aufgibt, um in eine kleinere und bequemere Seniorenwohnung zu ziehen, wird viele Entscheidungen treffen müssen, was mitgenommen werden kann und was weggegeben werden muss. Sie sind ein Musterbeispiel, nach welchen Kriterien wir uns zwischen kurzfristig und langfristig entscheiden.

Klar ist, dass alles, was wir täglich brauchen, mitgenommen wird. Das ist meist überschaubar. Kleidung, Wäsche, Küchengeräte, Computer, bei mir auch Fotoapparate und eine Gitarre. Ganz wichtig ist auch die Waschmaschine in der eigenen Wohnung. Das Gehen mit einem Wäschekorb über Treppen kann lebensgefährlich werden.

Schwieriger ist es bei Dingen, die wir nur gelegentlich brauchen. Werkzeug zum Beispiel. Langfristig ist es wahrscheinlich entbehrbar, weil ohnehin Handwerker die neuen Probleme lösen werden. Also verschenken, am besten immer an junge, geschickte Menschen!

Sammlungen aller Art werden wahrscheinlich auch eine neue Heimat brauchen, auch wenn es schwer fällt. Fotos sind relativ leicht zu handhaben, weil sie doch relativ wenig Platz brauchen. Ich habe anlässlich eines Familientreffens meine Kinder gebeten, sie durchzusehen und das was sie behalten wollen mitzunehmen. Alles andere wird im Müll landen.

Eine Enkeltochter hat ihre Mutter (meine Tochter) dann gefragt „Mami was machen wir mit all diesen Dingen? Antwort „Die stellen wir in den Keller, wo auch schon die anderen Kisten sind“. Es hat mich überhaupt nicht getroffen. So ist es eben. Es war eine ehrliche Antwort.

Alles, was sich digitalisieren lässt (Fotos, Gemälde, Bücher, Musik etc) , kann man heute bequem auf Festplatten speichern. Sie nehmen kaum Platz ein. Was man noch verkaufen kann, rechtzeitig verkaufen. Geld lässt sich am einfachsten aufbewahren und auch in Lebensqualität umwandeln. Und Geld ist sicher auch das beliebteste Erbe.

Ich war ja viel auf Reisen, habe oft im Winter einige Zeit im Süden verbracht und bin immer prima mit einem kleinen Hotelzimmer ausgekommen. Es ist also auch langfristig kein Problem, mit weniger auszukommen, wenn man im Alltag Unterstützung und Dienstleistungen bezahlen und bekommen kann.

Sicher ist, dass langfristig der Tod auf uns wartet und wir nichts mitnehmen können. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Also vorher die Sachen verteilen, mit „warmen Händen“ geben. An ordentliche junge Menschen, die schon Kinder haben, würde ich dazu fügen. Es müssen nicht immer die Verwandten sein. Dann war es nicht umsonst! Wenn ich sterbe, geht nur mein Leben zu Ende, alles andere Leben geht weiter.

Blume

 

 

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