OPA OTTO ERZÄHLT

Menschenkenntnis ist eine Fähigkeit, die man im Laufe eines Lebens erwirbt. Wer viele Kontakte zu Menschen hat oder wer oft verhandeln oder verkaufen muss, hat gute Chancen, darin ein Meister zu werden. Aber es kommt nicht nur auf die Anzahl und Bedeutung der Kontakte an, man muss auch mindestens zwei weitere Fähigkeiten mitbringen, um ein Repertoire an Menschenkenntnis aufzubauen: Ein gutes Gedächtnis und die Fähigkeit eine Situation abstrahieren und analysieren zu können. Mit einem Wort, man muss über soziale Intelligenz verfügen.

Ich halte wenig davon, Menschen nur nach dem ersten Eindruck einzuschätzen. Es müssen entweder schon mehrere Eindrücke sein oder der erste muss auch eine gewisse Intensität haben, damit er aussagekräftig bleibt.

Prognosen über einen Menschen zu machen, erfordert vor allem auch Wissen über dessen Umfeld. Wer sich in fremden Kulturen bewähren will, lernt schnell, dass man seine Vorstellungen anpassen muss. Oft ist dies so schwierig, dass es ohne fremde Hilfe nicht klappen wird. In einer globalen Welt wird also Menschenkenntnis besonders kritisch, aber auch besonders nützlich.

Ich gehe hier nicht darauf ein, wie Menschenkenntnis entsteht, sondern beschreibe einige Wege, die mir persönlich geholfen haben, Menschenkenntnis zu erwerben. Ihnen allen ist gemeinsam, dass in einer kurzen Zeitspanne viele verschiedene Aspekte beurteilt und entschieden werden müssen. Ein aufmerksamer Beobachter hat es dann relativ leicht, einen Eindruck zu bekommen, der dann auf andere Situationen übertragbar ist.

Wandern

Es muss ja nicht gleich der Jakobsweg sein, mit seiner langen Dauer und seinen Strapazen, auch kurze Wanderungen, so ein bis zwei Stunden, vermitteln viele Informationen und Einsichten. Ein Vorteil beim Wandern ist, dass man sich zwar nahe ist, aber nicht immer ansieht. Dies schafft eine Situation, in der man sich nicht so beobachtet fühlt, wie wenn man einander gegenüber sitzt. Dadurch entsteht mehr Freiraum für die Selbstdarstellung und mehr Offenheit. Es kann dabei auch Schweigepausen geben, die nicht unangenehm auffallen.

Meine Beobachtung konzentriert sich auf folgende Fragen: Was wird betrachtet und kommentiert? Fällt der Blick auch auf den Boden oder nur in die Ferne? Wie ist die körperliche Fitness? Was wird in den kurzen Pausen gemacht?

Ich habe beim Wandern viel über Menschen erfahren und kann es nur empfehlen. Und hat der Test dazu geführt, dass man den Kontakt nicht weiter aufrecht erhalten will, so war immer noch die Bewegung lohnend.

Feiern

Besonders wenn dabei Alkohol im Spiel ist, der Stimmungen verstärkt, sind sie ein prima Fenster, um in die Seele von Menschen oder Menschengruppen zu blicken. Sie ergeben vor allem einen Eindruck des Potenzials, das in Menschen steckt und das im Alltag nicht zur Geltung kommen kann. Ich hätte viele Menschen falsch eingeschätzt, hätte ich sie nicht auch beim Feiern kennen gelernt.

Sport und Spiel

Menschen beim Sport zu beobachten, bringt nicht nur Aussagen über Fairneß, Ausdauer, Kampfgeist oder Kooperation, vor allem die Art des Sportes (Einzel oder Mannschaft) oder Spiels (Zufall oder Können) sagt viel über sie aus. Wie verhalten sie sich beim Sieg, wie bei der Niederlage? Wie können sie mental in den Pausen abschalten und so regenerieren? Wie verhalten sie sich in einer Mannschaft? Wie groß ist der Egoismus? Versuchen sie zu mogeln?

Um all dies beobachten zu können, muss man allerdings live dabei sein, die Medien verzerren die Eindrücke zu sehr.

Musizieren

Gemeinsames Musizieren sagt viel über Menschen aus. Wie hören sie zu? Stören sie die Anstrengungen anderer? Wem wird der gemeinsame Erfolg zugeschrieben, wem der Misserfolg? Besonders wenn Teamfähigkeit gefragt ist, lohnt es sich, auf das Musizieren zu achten.

Einkaufen

Einkaufen ist nicht nur ein Stresstest für zukünftige Partnerschaften. Es sagt auch viel darüber aus, wie Menschen entscheiden. Wie gut vorbereitet ist jemand, wird überlegt oder spontan zugegriffen, wie zufrieden sind sie mit dem Ergebnis?

Aufräumen

Beim Aufräumen müssen viele Entscheidungen in kurzer Zeit getroffen werden. Es eignet sich daher gut dazu, einen Eindruck von Menschen zu bekommen. Ein Nachteil davon ist, dass es nicht viele Gelegenheiten gibt, gemeinsam aufzuräumen. Aber wer Menschen in ihrer Wohnung besuchen kann, wird dann das Ergebnis des Aufräumens sehen.

Fotografieren

Mein Lieblingstest, einfach und aussagekräftig, allerdings nicht in jedem Kulturkreis anwendbar. Mit Menschen, die sich nicht fotografieren lassen, Porträts vermeiden oder sonst fotoscheu sind, vermeide ich intensive Kontakte. Diese Vorgangsweise mag rüde erscheinen, aber ich weiß, wovon ich rede.


Es gehört zu intelligenten Menschenkennern, dass sie ihre Urteile immer wieder überprüfen und gegebenenfalls auch korrigieren. Menschen verändern sich im Laufe der Jahre, sie werden reifer, gravierende Ereignisse können ein Umdenken bewirken. Soll Menschenkenntnis nicht zum starren Vorurteil werden, dann sind Anpassungen unumgänglich.


Menschenkenntnis in Social Webs

Gibt es auch so etwas wie "Menschenkenntnis" in Social Webs, wo sich jeder leicht hinter einer Fassade verstecken kann? Zu den Anfangszeiten des Internets war es einfacher: Man konnte die Menschen gut nach ihren Providern einteilen. War jemand ein AOL - Kunde, dann war es ziemlich sicher jemand, der etwas einfach gestrickt war. Hat heute Facebook diese Rolle übernommen? Ich denke, das kann man nicht generell sagen.

Klar ist, dass der Ton, die Netiquette, in verschiedenen Netzen verschieden ist. Aber äußere Hinweise, wie das Verwenden von Smileys, Groß - oder Kleinschreibung, Häufigkeit der Rechtschreibfehler, Art des Porträt Fotos, Frequenz der Posts, sind nicht immer ein sicheres Indiz für den Menschen, der dahinter steckt. Aussagekräftiger sind schon die Themen, die jemand aufgreift und nach denen ich meine Kontakte auswähle. Aber diese Entscheidung braucht Zeit und ein erster Eindruck kann leicht falsch sein.

Ich vermute, die angebotenen Informationen über den Bildschirm sind nicht zuverlässig genug, um "Menschenkenntnis" zu entwickeln. Und ich verhalte mich deshalb so, wie generell die Entwicklung einer Kooperation beginnt: Ich nehme erst mal an, der andere meint es gut mit mir, bleibe aber vorsichtig und breche dann im Zweifel Kontakte auch wieder ab.

Trotzdem entsteht ein Repertoire an Vorurteilen, besser noch an Vorverurteilungen. So werden - siehe meine Medienvorsätze - alle Arten von "Schützern" automatisch blockiert, genau so alle "politisch Korrekten", auch Journalisten haben einen schweren Stand bei mir, wer aus heiligen Büchern zitiert, erreicht mich nicht mehr. Sehr sensibel reagiere ich auf zu viele Meldungen von den sogenannten "Medienhuren", d.s. Menschen, die permanent belangloses posten.

Umgekehrt entsteht eine Vorliebe bei mir für Menschen, die Wissen und Freude teilen, in dem sie z.B. schöne Fotos und Videos zeigen, die Musik propagieren, die ich noch nicht kannte oder die ihre Heimat oder Umgebung präsentieren.

Wenn ich auch der Meinung bin, dass Menschenkenntnis im engeren Sinne im Netz nicht entwickelt werden kann, so können aber trotzdem Abneigungen und Vorlieben entstehen, die eine ähnliche Hilfe im Umgang darstellen.


Wie kann man mit Kindern Menschenkenntnis üben? Man suche sich einen Platz, wo man Menschen gut beobachten kann, diese aber ein Gespräch nicht hören können. Fast jeder belebte, öffentliche Raum eignet dazu. Dann sucht man sich eine Zielperson, ein "Opfer" aus und bespricht, wie sich die Zielperson verhalten wird. Wird es den Artikel, den es schon lange betrachtet, auch kaufen? Wohin setzt sich jemand, der einen freien Platz sucht? Ist jemand allein oder wartet er auf jemanden?

Ich habe mit meinen Kindern dieses Spiel oft gespielt und ich denke, auch zu ihrem Nutzen.

 

 

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