OPA OTTO ERZÄHLT

Die Seele des Kapitalismus

Um die Seele, den Kern, die Quintessenz, das Destillat einer Idee zu verstehen, bedarf es langer Erfahrung damit, eine bewusste Wahl zwischen verschiedenen Alternativen und Konkurrenzideen und vielleicht auch einen Verzicht darauf. Denn oft erkennt man einen Wert erst, wenn man ihn vermisst. Man muss also die Idee von Innen, wie auch von Außen erlebt haben, in möglichst verschiedenen Variationen, in der Theorie, wie auch in der Praxis, um die Vorteile oder Nachteile zu erkennen.

Der Kapitalismus war für mich seit früher Jugend so eine interessante Idee und ich habe viele Versuche unternommen, ihn zu verstehen. Gelegenheiten hatte ich in einem langen und abwechslungsreichen Leben in Europa und den USA genug, aber alle Definitionen, die mir dazu angeboten wurden, haben mich wenig befriedigt. Sie alle mögen Teilaspekte gut beschreiben, aber das Wesen darin habe ich nicht erkannt.

Da alle Wirtschaftstheorien im Kleinen fast immer und überall theoretisch funktionieren, ist es schwierig, vorauszusagen, ob sich diese Gedankengebäude auch in der Praxis, mit realen Menschen, über einen langen Zeitraum und im großen, am besten globalen Stil bewähren. Ich denke, der Kapitalismus hat seinen Test bestanden.

Wie immer, wenn man ein Problem nicht so recht erfassen und damit lösen kann, habe ich mir Detailaspekte notiert. Zum Beispiel, dass es (in Europa und nur hier) zwei große politische Strömungen gibt: Wohlstand zu schaffen und Wohlstand zu verteilen. Die Rechten und die Linken. Irgendwie war das lustig, denn braucht man nicht beide gleichzeitig?

Das Problem wurde durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und damit des Kommunismus vorübergehend uninteressant. Der Kapitalismus ist einfach - scheinbar alternativlos - übrig geblieben. Er hat vorher stark davon profitiert, dass er besser, vor allem menschlicher, für die Menschen als der Kommunismus sein musste. Dies war nun nicht mehr wichtig. Aber alte Menschen, zu denen jetzt auch ich (Jahrgang 1944) gehöre, vergessen ihre Interessen der Jugend nicht leicht.

So haben ein Buch von Ulrike Herrmann, deutsche TAZ Wirtschaftsredakteurin, aus dem Jahr 2015, „Der Sieg des Kapitals“ und viele Interviews mit ihr zum Thema meine Neugierde wieder geweckt. Sie räumt damit mit vielen Gemeinplätzen und Vorurteilen auf, untermauert vor allem durch die Krisen der letzten Jahre. Und das Beste, das Buch ist gut zu lesen, die Sprache einfach und verständlich und es ist preiswert. Und einen Essay von ihr habe ich – mit ihrem Einverständnis – auch hier aufgenommen, damit er mir sicher erhalten bleibt.

Es mangelt mir an der nötigen Fachkompetenz, um alle ihre Behauptungen zu überprüfen. Für meine Zwecke ist auch egal, ob alles faktisch richtig ist, was drin steht. Denn ich nehme sie als eine gute Anregung, selbst darüber nachzudenken. Also übernehme ich einfach jene, die mir einleuchten! Ich schreibe sie hier zusammen, um anderen Menschen, vor allem der Jugend, das wichtigste kurz und bündig weiter zu geben.


Einige Vorteile des Kapitalismus

Bevor ich auf Details eingehe, will ich zusammenfassen, was in meinen Augen die Vorteile des Kapitalismus sind. Wir sind durch ihn als Menschheit wohlhabender, gebildeter, gesünder und älter geworden. Aber die beiden letzten Aspekt haben auch dazu geführt, dass wir immer mehr auf dem Globus geworden sind. Auf die Dauer könnte das ein Nachteil werden, wenn wir nicht dafür sorgen, dass Geburten zurück gehen.

Viele Menschen haben durch den Kapitalismus Freiheit gewonnen und sich selbst entfalten können. Ebenfalls positiv ist für mich, dass einige Menschen durch den Kapitalismus unendlich reich geworden sind. Klingt vielleicht befremdend, aber sonst würde es anderen an Motivation fehlen, wenn sie diese Vorbilder nicht hätten und ebenfalls würden humanitäre Projekte, die diese als Mäzene finanzieren, nicht existieren.

Alle anderen Aspekte, die auch oft genannt werden, wie Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung der Frauen, erscheinen mir zumindest zweifelhaft. Wahrscheinlich richtig ist aber, dass im Laufe der Entwicklung der Kapitalismus die Sklaverei beendet hat.


Gedanken zum Kapitalismus

Ich bin in Österreich nahe am Eisernen Vorhang aufgewachsen, der nur wenige Kilometer entfernte Kommunismus war für mich nicht überzeugend. Der „Sozialistische Mensch“ existiert in der Praxis eben nicht. Und den Terror im russischen Kommunismus fand ich schrecklich. Aber ich war in meiner Jugend sehr froh, dass ich in Österreich viele soziale Einrichtungen (fast gratis) zur Verfügung hatte, wie Schulen und auch Bibliotheken. Sie haben nicht nur mein Leben kulturell stark bereichert, sondern mir auch erlaubt, zu studieren.

Lange habe ich – wie viele andere - geglaubt, dass es einen Zusammenhang zwischen Wohlstand und Religionen gibt. Ausgelöst wurde dies durch Landkarten, die zeigten, dass fast alle katholischen Länder (Frankreich ausgenommen) wesentlich ärmer als die reichen, protestantischen waren. Ich denke heute, dies war ein Irrtum. Die globale Erfahrung zeigt, dass Kapitalismus zu allen großen Religionen passt, auch zum Atheismus.

Sicherlich gibt es Wechselwirkungen zwischen Religion und Kapitalismus. Aber schiebe die Unterschiede in der Entwicklung heute eher auf das Klima und die Staatsstrukturen, als auf die Religion. Ebenfalls ist es wahrscheinlich ein Irrtum zu glauben, nur in Friedenszeiten kann der Kapitalismus seine positive Kraft entfalten. Leider hat erst oft der Krieg Nationen verändert. Man denke nur an die Stellung der Frauen in der westlichen Welt als Folge des Krieges. Sogar die Niederlage Deutschlands im zweiten Weltkrieg hat in der Folge erst ein Wirtschaftswunder erlaubt.

Richtig aber finde ich, dass Bildung, Wissenschaft und auch die damit verwandten Medien sehr wohl zu einem besseren Leben führen können. Es wird heute sehr oft vergessen, dass dies der Grund war, z.B. Schulpflicht einzuführen und dass zum Beispiel manches Buch sehr wohl unsere Leben zum Besseren verändert hat. Dass manche Medien, u.a.auch Zeitungen oder TV Sender, diesen Auftrag nicht erfüllen, kann ich gut verschmerzen, solange es zuverlässige Konkurrenz gibt.

Vorbemerkungen

Bevor ich anfange, einige Vorbemerkungen. So wie Demokratien nur dann funktionieren, wenn die Menschen gebildet genug sind, um sich informieren zu können, so braucht auch der Kapitalismus einige Vorbedingungen. Die wichtigste ist sicherlich das Recht auf persönliches Eigentum und eine Staatsgewalt, die es auch schützen kann. Es muss eine stabile Währung geben, mit der man Geldvermögen über lange Zeiträume speichern kann. Man muss sicher Handel treiben können. Dazu gehören auch sichere, effiziente Verkehrswege und genügend sichere Möglichkeiten der Kommunikation.


Die Seele des Kapitalismus

Einsatz von Technik führt zu Wohlstand. Wenn jeder einzelne mehr herstellen kann als er selbst braucht, und mehr verdient, als zu seinem Leben absolut notwendig ist, können alle auch mehr konsumieren.

Anders ausgedrückt: Einsatz von Technik, hohe Produktivität und hohe Löhne sind die Seele des Kapitalismus.

Es ist für mich ganz erstaunlich, ja fast überraschend gewesen, dass dieses simple Konzept Basis für Wohlstand sein soll, aber je länger ich mich damit beschäftige, desto eher halte ich es für richtig. Denn dies führt zu Handel, zu Infrastruktur mit Verkehrswegen, zu Wachstum, zu globalem Austausch, zu stabilen internationalen Beziehungen, in weiten Teilen der Welt auch zu Frieden.

Der Kapitalismus entspricht der Natur des Menschen. Er fördert die Neugier, das Risiko, befriedigt die Gier und das Streben nach Macht, gibt persönliche Befriedigung, wenn schwierige Herausforderungen gemeistert werden. Die Menschen haben das Gefühl, dass sich Anstrengungen lohnen, sie können Reserven aufbauen, sich arbeitsfreie Zeit (Urlaub) leisten und sie können sich auch unterhalten und entspannen.

Menschen können mit Versicherungen, die sie sich auch leisten können, für Notfälle oder Alter vorsorgen, zumeist in einem hohen Maß.

Da der Kapitalismus sich desto besser entwickelt, je größer die Wirtschaftsräume sind, fördert er auch globale Normen. Auch hier gibt es viele Gegner dazu, aber ich denke die Angstmache mit Genmais und Chlorhühnchen ist so durchsichtig, dass man später nur darüber lachen wird oder es sogar nachmachen wird. Entscheidend aber ist, dass lokale Regierungen nicht zu Sklaven multinationaler Konzerne werden können. Also Investitionsschutz (und die Schiedsgerichte dazu) ist abzulehnen. Freihandel an sich hat sich in der Vergangenheit dann zum Vorteil entwickelt, wenn alle Partner ihre Stärken einbringen konnten. Und er wurde dort zum Nachteil, wo ein besonders starker Teilnehmer (im Westen meist die USA) seine Partner dominiert hat, ja begonnen hat sie zu diktieren.

Kapitalismus ist eng mit Wachstum verbunden (erzeugt Wachstum und führt zu Wachstum). Aber Wachstum innerhalb beschränkter Ressourcen kann immer nur von kurzer Dauer sein. Wie Frau Herrmann richtig beschreibt, werden Umweltgrenze und Rohstoffgrenze sein Ende vorbestimmen. Und sie stellt sich zu Recht de Frage: Wer kümmert sich darum, was nach dem Ende des Kapitalismus passieren wird oder soll? Da es offenbar heute niemand ernstzunehmender tut, erscheint mir meine Betrachtung der Seele des Kapitalmus besonders wichtig. Wenn man die Parameter der Seele kennt, dann kann man auch damit experimentieren, sie vorsichtig zu justieren.

Wenn wir die Natur als Beispiel für Wachstum nehmen, dann ist es auch dort beschränkt. Nehmen wir als Beispiel eine einjährige Pflanze. Sie wächst aus einem Samen, gedeiht, blüht, wird befruchtet, entwickelt Früchte, die neuen Samen beinhalten und stirbt mit dem Ende der Saison. Von ihr aber überleben Früchte, die ihr Weiterleben als Sorte garantieren und ihre Reste verbleiben im Boden als neue Nährstoffe. Die Pflanze stirbt zwar, aber nicht ihre Art. Warum kann das mit dem Kapitalismus nicht ähnlich sein? Kapitalistische Firmen mögen sterben, aber nicht das System.

Wer sich so wie ich laienhaft mit dem Kapitalismus beschäftigt, der muss einige Spannungsfelder aushalten. Das erste ist der Unterschied zwischen Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft. Ist das, was gut für die Firma ist, auch gut für unser Land oder gar die Menschheit? Soll ich in meinem Start-Up wirklich hohe Löhne zahlen, weil hohe Löhne den Kapitalismus treiben und alle damit reich werden, also alle davon profitieren. Ich fürchte das wird trotzdem nicht klappen. Das Start-Up wird es so nicht schaffen, genau so wie vielleicht eine junge Pflanze ein Glashaus braucht, um dann später im Freien überleben zu können.

Das für mich zweitwichtigste ist der Unterschied zwischen Konsum und Investition. Der Kapitalismus braucht beides, denn Massengüter haben nur ein Chance bei Massenkaufkraft und Massenkonsum. Andererseits ist Kapital nur Geld, das investiert wird. Investitionen sind der Katalysator des Kapitalismus und damit des Wohlstands. Ich sehe hier wenige Unterschiede zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Beide brauchen beides. Natürlich hat der Konsum Vorrang, wenn Menschen in Armut leben. Aber auch sie können investieren, in gute, hilfreiche Kontakte zum Beispiel oder in Bildung (die heute oft tatsächlich gratis verfügbar ist). Es ist ein Frage der Balance, wie oft, bei komplexen Entscheidungen. Eine gute Investition bringt (zumindest mittelfristig) mehr Geld, als sie kostet. Sie muss ja nicht immer zahlenmäßig groß sein.

Das dritte Spannungsfeld ist die Definition von Wohlstand. In Deutschland ist man schon arm, wenn man noch nicht reich ist. Diese Definition erscheint mir nicht hilfreich zu sein, weil sie nicht glaubwürdig ist. In anderen Ländern ist man arm, wenn die Kinder verhungern oder das Einkommen nicht reicht, um zu heiraten und eine Familie zu gründen. Wohlstand entsteht aus dem Nichts: Kredite werden vergeben, es wird investiert und der Wohlstand entsteht durch die hergestellten Güter. Meine Definition von Wohlstand und die Schaffung dazu habe ich schon als "Globismus" viel früher beschrieben. Manches dort ist überholt, aber die Grundidee stimmt immer noch.

Was mich früher am Kapitalismus am meisten gestört hat, das war seine enge Verknüpfung mit der Marktwirtschaft. Generelle Marktwirtschaft ist aber eine Fiktion. Sie existiert nur für die kleinen Wirtschaftsteilnehmer und ist kein essentieller Teil des Kapitalismus. Kapitalismus heute ist im wesentlichen eine Herrschaft von Großkonzernen, mit deren privater Planwirtschaft. Gratuliere Frau Herrmann, dass sie mit diesem Mythos aufgeräumt haben.

Ebenfalls dankbar bin ich für ihre Klarstellung, dass menschlicher Kapitalismus einen stabilen und sozialen Staat braucht. Der Markt kann und soll nicht alles regeln. Meine Trennungslinie ist für mich sehr einfach. Für die Befriedigung der Grundbedürfnisse muss es staatliche Angebote geben. Für das weite Feld darüber hinaus können und sollen sich Firmen engagieren. Um ein einfaches Beispiel zu nennen, das Leitungswasser ist Sache des Staates (oder seiner Vertreter), Mineralwasser mögen bitte Firmen anbieten.

Wenn der Staat handlungsfähig bleiben soll, muss er im Normalfall Steuern erheben. Damit die Menschen sie auch zahlen, muss das Steuersystem sehr einfach und transparent sein. Am einfachsten ist immer noch die Flat Tax, bei der alle den gleichen Prozentsatz des Einkommens bezahlen. Nur für die Dummen unter uns, das heißt nicht, dass alle gleich viel Steuern bezahlen. Wer bei einer Flat Tax von 20 Prozent 40000 Euro im Jahr verdient, zahlt 8000 Euro Steuer, wer eine Million verdient, zahlt 200000. Sie kann man als Quellensteuer gestalten, die sofort bei einer Transaktion fällig wird (ähnlich wie in Deutschland die Umsatzsteuer). Viele unserer Linken empfinden dies als ungerecht und fordern eine Steuerprogression. Da man aber progressive Steuern erst bezahlen kann, wenn das Jahreseinkommen feststeht, führt das dazu, dass viele Reiche überhaupt keine Steuern bezahlen, wenn der Staat Steuerschlupflöcher erlaubt. Deutschland ist hier ein abschreckendes Beispiel, mit einem extrem komplizierten Steuersystem. Es ist entstanden, weil man „gerecht“ sein wollte, es zu viele Lobbyisten gibt und weil man dem Staat Einflussmöglichkeiten zugestanden hat.

Ist ein Staat sehr reich, weil er zum Beispiel über große Bodenschätze verfügt, könnte man annehmen, dass er überhaupt keine Steuern verlangen muss. Aber die Geschichte hat gezeigt, dass dies auf die Dauer extrem schlecht ist. Wenn Menschen keine Steuern zahlen, kümmern sie sich nicht mehr um die Zukunft ihres Staates. Auch wenn ein Staat auf feudalen Strukturen beruht (zum Beispiel auch durch die Stämme in Afrika) versagen oft die demokratischen Kontrollen und es entwickelt sich kein breiter Wohlstand.

Unter dem Strich ist es in meinen Augen auf die Dauer gut, wenn Menschen Steuern bezahlen. Ich habe in den USA erlebt, wie zu niedrige Steuern die Infrastruktur verlottern ließen, Straßen waren marode, Brücken sind eingefallen, es gab keine Bildungsmöglichkeiten, die sich alle hätten leisten können. Aber es muss auch Kontrollmöglichkeiten geben, damit nicht zu viel Verschwendung oder Missbrauch entsteht,

Hohe Produktivität erreichen wir heute nicht nur mit Technik, sondern vor allem mit Bildung. Der beste Computer taugt nichts, wenn man ihn nicht bedienen kann. Die große Schwierigkeit ist der schnelle Wandel. Wenn die Menschen dabei nicht mehr mitkommen, wird er zur Gefahr innerhalb des Systems. Es müssen aber nicht alle Menschen an der Spitze des technologischen Fortschritts stehen, dazu genügen wenige. Aber möglichst viele, am besten alle, sollen vom Fortschritt profitieren können.

Mit dem Kapitalismus entstanden neue Arbeitsfelder, er hat so komplizierte Aufgaben wie die Versorgung großer Städte gelöst, mit ungeheurer Beschleunigung und Veränderung und letztendlich auch mit großem Erfolg. Mit ihm wurden Energie und Wissen Standort unabhängig und verfügbar für alle. Er hat mit dem Konzept „schneller und günstiger als die anderen“ sein zu müssen unsere Denkweise und Kreativität verändert. „Fail often, fail fast“ in verschiedensten Variationen, etwa „probiere viel aus, erlaube Fehler und lerne schnell daraus“ kann man heute offen aussprechen. Es hat auch früher schon gegolten, war aber verpönt.

Ich will hier noch mit einem anderen Mythos aufräumen, nämlich dass Patente und andere Schutzrechte (Urheberrechte, „Geistiges Eigentum“) Vorbedingung für die Investitionen im Kapitalismus sind. Für die Kolonialmächte hat dies gestimmt, aber heute sind diese Konzepte überholt und bedürften dringend entweder einer Abschaffung oder zumindest einer Anpassung. Dass es auch ohne Patente geht, lernen wir z.B. von den Bereichen Mode oder anderen sich schnell verändernden Märkten, wie der Ernährung. Es ist eine schmerzhafte Erkenntnis, dass die gut gemeinten Schützer Veränderungen so stark behindern, dass die Zukunft verspielt wird. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass eine moderne EU hier hätte Vorreiter spielen können, auch wenn die Realität eine andere zu sein scheint.

Wenn eine Gesellschaft viel, ja vielleicht sogar im Überfluss produziert, dann entsteht auch viel Abfall. Entsorgt man ihn durch das billige Konzept „verbrennen, vergraben und vergessen“ dann werden unsere Ressourcen tatsächlich schnell erschöpft sein. Aber das muss nicht sein. Wird „Abfall als Rohstoff“ gesehen, wird Recycling intelligent eingesetzt, dann sieht die Situation ganz anders aus. Und ein Scheitern des Kapitalismus an der Rohstoffgrenze kann hinausgezögert werden. Selbst die Weltmeister in der Mülltrennung, wir Deutschen, stehen hier erst am Anfang einer Entwicklung, die Urban Mining genannt wird.

Wenn die Rohstoffgrenze nicht ganz so starr sein wird, wie steht es dann um die Umweltgrenze? Auch hier könnte es Auswege geben. Die Hauptgefahr für alle Umweltfragen ist das Wachstum der Menschheit. Sie ist der alles entscheidende Parameter. Nun haben wir heute Erkenntnisse, dass dies steuerbar ist. Als effektive Mittel zur Geburtenkontrolle haben sich Bildung (vor allem der Frauen), das Leben in Städten und Wohlstand (mit Absicherung des Lebensabends) heraus kristallisiert. Und alle drei Faktoren könnten positiv durch den Kapitalismus unterstützt werden.

Nachteile des Kapitalismus heute

Ich will hier nicht die lange Liste der Kritiker nochmals aufführen. Viele Kritikpunkte stammen aus der Vergangenheit und aus Ländern, die durch den Kapitalismus unmenschlich geworden sind. Entweder weil Konzerninteressen rücksichtslos durchgesetzt worden sind, weil Börsen viel Leid über die Menschen gebracht haben, weil Blasen entstanden sind, der Buchwert also sich vom Realwert abgekoppelt hat. Ein großes Problem sind nach wie vor die meisten komplexen Derivate (die kein Mensch mehr versteht), Spekulationsgewinne, die Geldmengensteuerung, das Fehlen einer Transaktionssteuer und viele weitere mehr. Eher temporäre Probleme sind die Zinspolitik und auch immer noch Währungsprobleme, die zu hohen Staatsverschuldungen führen. Persönlich finde ich auch, dass es bessere Antworten für die Altersvorsorge geben müsste.

Ich denke, mit jeder Krise hat die Menschheit dazu gelernt. Sture Rezepte werden durch flexiblere Antworten ersetzt. Das Problem ist, dass wir heute dem Kapitalismus nicht mehr ausweichen können. Er hat unser Leben durchdrungen. Es ist also notwendig, ihn ständig weiter zu verbessern. Ich denke, das gelingt auch, vor allem wenn mehr Menschen mehr über Volkswirtschaft lernen. Denn es ist heute leicht, sich von Populisten einfache, falsche Lösungen vorgaukeln zu lassen. Das tragische ist, nicht alles was plausibel ist, ist auch hilfreich und richtig. Und ebenfalls finde ich es bedenklich, dass nur wenige Erkenntnisse von Ökonomen lange Bestand hatten. Die Ökonomie scheint keine Wissenschaft zu sein, die zuverlässige Prognosen erlaubt. Vieles erinnert eher an Religionen, die man einfach glauben muss, weil es so schwierig ist, sie in der Praxis zu beweisen.

Nicht einstimmen kann ich den Chor vieler Berufspolitiker, die ständig einige Schlagworte vor sich her beten und damit Stimmung machen. Sie schaden. Einer Wählerschaft, die nicht einmal die Grundlagen der Ökonomie versteht, kann man alles verkaufen. Deshalb sollte es mehr Medienleute wie Ulrike Herrmann geben, die immer auf neue erklären und damit langfristig aufklären. Dies wäre wirklich hilfreich.

Ausblick

Ich schaue theoretisch eher positiv in die Zukunft. Aber praktisch überraschen mich dann täglich doch so viele schlechte Nachrichten, dass ich froh bin, schon so alt zu sein und nicht mehr viel Zukunft haben zu müssen.

Zum Glück gibt es ja viele Junge, die Verantwortung übernehmen werden. Für sie habe ich das hier auch geschrieben. Zum Nachdenken, aber auch zum Handeln. Vielleicht sind Wirtschaftsfragen doch interessanter als gedacht?

Erkenntnisse

Permanente Investition in Technik, um hinterher mehr, bessere und billigere Waren zu produzieren. Aber Einsatz von Technik ist teuer! Kredite sind die Antwort!

Der Überfluss im Kapitalmus wurde ein guter Puffer gegen Missernten. Vorher hat jede Missernte zu Hungersnöten geführt.

Nur bei hohen Löhnen lohnt es sich Maschinen zu erfinden, die die Arbeit der Menschen machen.

Löhne sollten so steigen, wie die Produktivität. Dann bleibt eine Wirtschaft im Gleichgewicht.

Ist die Nachfrage zu groß, ist eine Preiserhöhung oft die einfachste Antwort.

Verkehrsinfrastruktur ist ein wichtiger Grundstein für erfolgreiches Wirtschaften. Begonnen hat dies mit der Eisenbahn, um Waren und Menschen zu transportieren. Dies führte zu rascher Modernisierung, die Eisenbahn hat alles verändert.

Produktionssteigerung, einfacher und schneller, Steigerung durch Innovation, Flexibilität und immer erreichbar sein.

Große Produktionssteigerung anfangs durch Spezialisierung, Arbeitsteilung. Vom Fließband bis zum Roboter. Ich wette, der nächste Schub wird die künstliche Intelligenz sein.

Finanzkapitalismus (Turbokapitalismus) erdrückt die Realwirtschaft. Ihn zu regulieren, halte auch ich für eine vordringliche Aufgabe.

Angebote existieren so lange, wie sie sich rechnen, das heißt Gewinn erwirtschaften. Umgekehrt gilt auch: Wenn Angebote lange existieren, haben sie auch Gewinn gebracht.

Subventionen verzerren die Märkte und können daher oft nicht mehr abgebaut werden, denn sonst bricht alles zusammen.

Shared Economy - nützliche Geräte am falschen Ort - führt zwar zu Arbeitsplatzverlusten. Macht aber trotzdem Sinn, denn sie reduziert den Ressourcenverbrauch und fördert die Kommunikation

Effizienzgewinne führen nur zu weiterem Wachstum. Stimmt, hier fehlt eine Gegenkraft.

Da es mehr Produkte als Abnehmer gibt, bedarf es des Marketing, vor allem der Werbung. Marketing: alle Aktivitäten, die ein Produkt braucht, um Abnehmer zu finden.

Je größer Märkte sind, desto einfacher ist es für einzelne reich zu werden.

Normen (Standards) vereinheitlichen Angebote und machen sie leichter austauschbar. Sie führen daher fast immer zu niedrigeren Preisen.

Eine der wichtigsten Unterschiede beim Geldausgeben ist der zwischen Investition und Konsum. Bei der Investition wird Geld dafür ausgegeben, dass in Zukunft Gewinn entsteht. Langfristig kann sich eine Wirtschaft nur entwickeln, wenn die Balance zwischen Investition und Konsum stimmt. Besonders wichtig ist dies für Länder, die von Rohstoffen zehren. Versäumen diese bei hohen Rohstoffpreisen zu investieren, trifft sie jedes Preistief extrem hart.

Will man die Idee des Kapitalismus verbreiten, beginnt man am besten mit Bildung, die sich alle leisten können. Sie darf an der Universität durchaus auch etwas kosten, um die Menschen fernzuhalten, die dort fehl am Platz sind und anderen die kostbaren Plätze wegnehmen. Aber es muss Wege geben, dass sich jedes Talent auch entfalten kann.

Zwei aktuelle Bücher von Ulrike Herrmann

Der Sieg des Kapitals: Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen 11. Mai 2015

Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung: Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können 8. September 2016

 

 

INHALT

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